Wie Veränderung erlebbar wird

17.02.2021

Trotz oder gerade wegen der Corona-Krise rückt die betriebliche Altersversorgung (bAV) weiter in den Fokus. Momentan wird gerade überlegt, ob nicht die aktuellen und künftigen Rentner etwas zur Finanzierung der Staatsmilliarden, die gerade mit vollen Händen ausgegeben werden, beitragen können.

Die betriebliche Altersversorgung und eine fachkundige Beratung werden dadurch immer wichtiger. Das Gespräch führte Andreas Nareuisch für das Magazin Lohn+Gehalt. Er hat dazu mit Tobias Bailer, Geschäftsführender Gesellschafter der pension solution group, als einem der führenden Experten für die Analyse, Konzeption, Kommunikation und Betreuung von betrieblichen Vorsorgelösungen gesprochen und Interessantes erfahren.

Herr Bailer, die Corona-Krise ist nun schon sechs Monate alt. Wie haben Sie die Zeit in Ihrem Geschäftsmodell erlebt?

In der Branche haben wir grundsätzlich einen Wandel zu mehr Digitalisierung in der Kommunikation und Verwaltung beobachtet. Vor dem Lockdown waren wir digital schon sehr gut aufgestellt, haben uns aber auch hier weiterentwickelt und digitale „Lücken“ während der Corona-Phase geschlossen.

Durch die neuen Corona-Restriktionen waren Arbeitgeber (wie wir auch) mit einem zusätzlichen Organisations- und Kommunikationsaufwand konfrontiert. Zeit für betriebliche Altersvorsorge war nicht mehr im selben Maße vorhanden wie vorher. Außerdem galten Besuchs-Restriktionen bzw. teilweise sogar -Verbote bei den Unternehmen, sodass wir nicht mehr direkt vor Ort beraten konnten. Die Beratung fand daher in den letzten sechs Monaten fast ausschließlich digital statt. Das hätte vorher niemand so für möglich gehalten.

Was erwarten Sie für die Zukunft in der betrieblichen Altersversorgung?

Wir sind überzeugt, dass die Bedeutung der betrieblichen Altersversorgung weiter stark zunehmen wird. Wir sehen aktuell, dass die Vorteile kollektiver Lösungen erkannt wurden und dadurch gefragter sind als je zuvor. Durch die niedrigen Zinsen verschieben sich private Sparverträge in die betriebliche Altersvorsorge, wo es steuerliche Förderungen und enorme Vergünstigungen bei speziell ausgehandelten Gruppenverträgen gibt.

Es profitiert aber nicht nur die betriebliche Altersversorgung. Auch bei der Berufsunfähigkeitsvorsorge beobachten wir grundsätzlich auf Arbeitnehmer- und Arbeitgeberseite einen stärkeren Fokus. Diese Tendenz wird durch COVID-19 und das stärkere Bewusstsein für biometrische Risiken und deren Bedeutung für die Arbeitskraftabsicherung noch weiter gesteigert.

Nur jeder zweite Berechtigte hat bisher eine betriebliche Altersversorgung abgeschlossen. Woran liegt das Ihrer Meinung nach?

Die Vorteile wurden bisher nicht verstanden. Es fehlt an ganzheitlicher Aufklärung und Wertschätzung gegenüber dem Thema bAV. Dadurch scheuen Arbeitgeber immer noch den Implementierungs- und Verwaltungsaufwand. Wir wissen aber durch unsere langjährige Erfahrung, dass dieser Aufwand fast nicht vorhanden ist, wenn das Thema richtig und professionell angegangen wird.

Außerdem beobachten wir am Markt Umsetzungsbeispiele, die die Durchdringung der betrieblichen Altersvorsorge hemmen: Standard-kommunikationen ohne Begegnungsqualität, fehlende firmenindividuelle Kommunikationskonzepte, Wirkung eines rein vertrieblichen Versicherungsproduktverkaufs.

Wie muss das Thema im betrieblichen Kontext kommuniziert werden, um stärker in das Bewusstsein der Mitarbeiter zu gelangen?

Wir sind überzeugt davon, dass Arbeitnehmer mit einer ganzheitlichen Informationskampagne über das Angebot informiert werden sollten. Diese Informationskampagne muss dringend auf das Unternehmen und seine Mitarbeiter zugeschnitten werden. Dafür ist zunächst eine intensive Abstimmung und Miteinbeziehung der im Unternehmen Beteiligten wie Personaler und Betriebsräte elementar. Für eine erfolgreiche Informationskampagne und Beratung muss der Mitarbeiter die Möglichkeit haben, nahtlos zwischen den verschiedensten angebotenen „Kanälen“ (z. B. persönliche Beratung, digitale Abschluss- und Informationsstrecke, telefonischer Kontakt) wechseln zu können, d. h. sich selbst informieren und/oder sich mit einem Experten austauschen zu können. Der Mitarbeiter kann damit selbstbestimmt entscheiden, sein individuelles Tempo bestimmen, ggf. Partner/Familie einbeziehen und hat bei Bedarf jederzeit einen persönlichen Entscheidungshelfer zur Seite.

Zum Januar wird der Solidaritätszuschlag für die Mehrheit der Steuerzahler abgeschafft. Was sind Ihre Ideen für die sogenannte „Soli-Rente“ im Jahr 2021?

Die Soli-Rente ist die betriebliche Altersvorsorge zum Null-Tarif! Anstatt 25 Euro mehr Netto-Gehalt im Monat auszugeben oder privat zu sparen, ist eine „50-Euro-Bruttoanlage“ für das Alter die bessere Alternative. Mit der vorgeschriebenen Arbeitgeberförderung von 15 Prozent liegen wir da schon bei 57,50 Euro brutto. Der Sparanteil für das Alter muss dringend erhöht werden. Das ist jetzt der ideale Zeitpunkt.

Beispiel:

Herr Müller (47, Steuerklasse 1) hat ein Brutto von 2.500 Euro monatlich und spart ab Januar 25 Euro Soli – das sind 56 Euro Bruttoentgelt inkl. Arbeitgeberzuschuss und daraus wird in 20 Jahren eine betriebliche Altersrente von 42,95 Euro garantiert und 64,08 Euro prognostiziert oder als Kapitalabfindung eine betriebliche Altersrente von 13.440,00 Euro garantiert und 20.050,39 Euro prognostiziert.

Fazit

„Wenn uns etwas aus dem gewohnten Geleise wirft, so denken wir, alles sei verloren. Aber dabei beginnt doch nur etwas Neues und Gutes.“ (Leo Tolstoi)

Wie Veränderung erlebbar wird - Lohn und Gehalt

Bild-Quelle: Lohn+Gehalt November 2020

Veröffentlicht: Lohn+Gehalt November 2020

Quelle & Bilder: pension solutions group

Autor: Andreas Nareuisch

Sie wollen Up-To-Date bleiben?

Abonnieren Sie unseren monatlichen Newsletter!